Verzweifelte Kämpfe und entspannte Krämpfe


Die 50-Ideensuche in zwei Teilen
SS 2016

Projektbetreuung

Prof. Ivica Maksimovic


Richtung

Illustration/Comic
Typografie
Werbung


Projektart

Atelierprojekt

Teil 1: Außen

Saarlouis, 23. Juli 2016 | 00:32

Während wir auf unseren 60-minütig verspäteten Zug zurück nach Saarbrücken warten, möchten wir die Zeit nutzen, um die zurückliegenden vier Stunden schriftlich zusammenzufassen. Relativ spontan haben wir uns dazu entschlossen, unsere durch experimentelle Peinlichkeiten geprägte Ideen-Tour nun doch in Saarlouis durchzuführen. Um 20 Uhr brechen wir vom Saarbrücker Hauptbahnhof auf. Unsere Vorbereitungen beschränken sich auf den Kauf einer Zucchini und der Deklarierung einiger leerer Maksimovic & Partners-Skizzenbücher zu Ideenbibeln. Wir wollen provozieren und Kreatives erforschen. Wir haben dazu einige Ideen, die wir später alle über den Haufen werfen werden. Der kreative Prozess läuft am besten beim Machen. In uns ein Gefühl von starkem Unbehagen, wie man es nun mal in sich trägt, wenn man weiß, dass etwas sehr Peinliches auf einen zukommt.

Während ich noch versuche mich zu sammeln, legt Bernd bereits los. Die Schaffnerin verneint seine Frage, ob sie denn eine originelle Idee habe. Doch ein Typ von der gegenüberliegenden Sitzgruppe, der sich uns später als Uwe vorstellt, fühlt sich sofort auf den Plan gerufen. Er setzt sich zu uns, fragt nach Schnaps und erzählt uns nach dem obligatorischen Anstoßen von seinen Ideen. Es folgen bizarre 20 Minuten, in denen ich mich wiederholt frage, wer hier wen verarscht und was zur Hölle eigentlich nicht mit uns stimmt. Seine erste Idee beschäftigt sich mit obskuren Wegen, Superkräfte zu erlangen. Es folgen absurde Ausführungen von perversen Ritualen bei denen Penisse und weibliche Tränen eine Rolle spielen. Wir ersparen uns weitere Ausführungen, damit niemand etwas in den falschen Hals bekommt.

Es widerstrebt uns, dass wir ernsthaft darüber diskutieren. Aber wir tun es. Mit voller Inbrunst. Doch aus dem guten Uwe sprudeln noch mehr Ideen. Erst geht es darum, das spießige Koblenz durch radikales Wegbomben lebenswerter zu machen, dann soll ein neuer, der Erde ähnlicher Planet mit niedrig entwickelter Lebensform besiedelter Planet entdeckt werden. Was das alles noch mit Ideen zu tun hat, wissen wir nicht genau, sind aber zu perplex, um Einspruch zu erheben. Schließlich erzählt Uwe von der Idee des jährlichen Zucchini-Festes. Dazu müsse Kirchheimbolanden im Donnersbergkreis zum europäischen Zucchini-Zentrum erklärt werden. Dort sollten jährlich in einer langen Straße Zucchini in allen Farben und Formen präsentiert werden. Gerade als Uwe von der Kreuzung eines ausschließlich mit Zucchini gefütterten Schweines, einem Menschen und einer Zucchini schwadroniert, bemerken wir gerade noch, dass wir bereits in Saarlouis angekommen sind, steigen eilig aus und lassen Uwe mit seinem Zucchini-Menschen-Schwein alleine.

Angekommen in Saarlouis richtet sich unser Ideeninteresse relativ zügig zu drei wohl gerade frisch in die Schulferien entlassenen Schülerinnen, die auf einem steinernen Vorsprung sitzend ziemlich ausdruckslos in ihr Smartphone starren. Bewaffnet mit der Ideenbibel und entschlossenen Schrittes überrumpeln wir die innerhalb von wenigen Sekunden deutlich eingeschüchterten 17-Jährigen. Kein Interesse an Ideen. Unser Appell an die Entwicklung kreativer Ideen für die Zukunft trifft auf verlegenes Kichern. Ihre Blicke suchen nicht nach Ideen, sondern nach einem Ausweg aus dieser höchst bizarren Situation. Wir übergeben ihnen eine Ideenbibel mit der höflichen, aber doch auch fordernden Bitte, nach Ideen zu suchen und gehen. Unser missionarischer Unterton ließ definitiv keine Ideen höher schlagen.

Zwei Espressi und fünf Minuten Fußweg bringen uns ins Herz der Saarlouiser Altstadt und ihren gut besuchten Bars. Unsere Augen erspähen einen freien Tisch und wir lassen uns nieder. Wir nehmen unsere Ideenbibeln in die Hand. Prompt wird der die Getränke servierende Herr aufgefordert, eine Idee zu entwickeln. Zu unserer Überraschung schaut er in die Luft, wippt auf der Stelle und murmelt: »eine Idee ... warte ... ich hab was ...«. Nach wenigen Sekunden die Erleuchtung: fliegende Tabletts! Eine grandiose Idee zur Verbesserung seiner Arbeitsqualität wurde hier im Stegreif, aus der Hosentasche und für die Ideensammlung entwickelt. Wir bedanken uns und er führt weiter seine Arbeit fort.

Am Tisch zu unserer Linken sitzen zwei Damen älteren Semesters vor ihren leeren Gläsern. Die höfliche Frage nach Ideen wird im Keim erstickt. Keine Ideen, nee.

Wir sind nun im »blondes«. Hier sprechen wir mit jungen Damen, die zwar äußerlich nicht zum Namen des Teenie- Trinklokals passen wollen, innerlich aber sehr wohl. Wir stellen uns als Psychologiestudenten vor, die menschliche Kreativität erforschen wollen. »Boah, studiere?! Das stell’ ich mir voll schwer vor!« Wir haben unsere Taktik geändert. Wir legen der Gruppe eilig angefertigte Kritzeleien vor und verlangen von ihnen im Gegenzug kreative, daraus abgeleitete Ergüsse. Ein Mädchen will Holzhandtaschen entwerfen. Ein anderes den Anti-Besoffenmachdrink «Gegengift«. Er solle hauptsächlich aus Paracetamol, Vitaminen und Fett bestehen. Ihre Freundin schlägt vor, den Drink auch als Kapsel zu verkaufen. Ich verstehe zunächst Katze und schlage mir bei der Vorstellung einer mit Paracetamol vollgestopften Katze vor Begeisterung innerlich auf den Hinterkopf. Die nächste, diesmal wirklich blonde Gesprächspartnerin, erkennt in unseren Scribbles einen Rollator für Tiere. Eine andere will Kleopatra-Talismane verkaufen. Nur der Barkeeper will nicht in das kreative Konzert einstimmen. Auf die Frage nach seiner Idee antwortet er kurz angebunden »Fraae abschleppe«. Auf die Nachfrage nach einer etwas neueren Idee kommt nur ein misslauniges »Totsaufe«.

So ziehen wir von dannen und durch die Saarlouiser Altstadt. Lautes und aggressives Ideenpöbeln »Ey haste ’ne Idee? Wir brauchen Ideen!« trifft auf Gegenpöbeln. Gestik und Mimik der Angepöbelten sprechen Bände. Wir werden zurückgewiesen und Richtung Stadtpark verwiesen. Wir ändern unseren Ton. Einem nach bestem französischen Klischee gekleideten Deutschen — es fehlte nur noch das Baguette unterm Arm — drücken wir eine Ideenbibel in die Hand mit der höflichen Bitte, Ideen zur Verbesserung der Welt zu entwickeln. Er schaut stutzig, lacht und bedankt sich. Mit einsamen, Shisha qualmenden Schwalbachern wird eine Öko-Freak-Partei gegründet und wir treffen auf unzählige Ideenlose. Lichtblicke wie sich selbst ankettende Terrassen, Bungee-Jumping gemixt mit Schnaps trinken bringen uns zu einer netten Runde mit einer sichtlich betrunkenen Dame und ihrer Begleitung. Malen mit Dreck. Honig gebende Wollmilchsau. Leonardo da Vinci war eigentlich Saarländer, aufgrund der Bergbaugeschichte des Landes. Außerirdische Translatoren, die ohne Energie auskommen, sich also durch sich selbst betreiben. Wir fühlen uns ein wenig verstanden. »Frag den ma was, der is Philosoph!«. Dem Philosophen — er versucht sich gerade zu verabschieden und seinen Heimweg anzutreten — stellen wir die Frage: »Ist eine Idee schön?« Äußerst scharfsinnig seine Antwort: »Schön ist die Idee!« Er wankt von dannen. Dann landen wir doch noch bei der Polizei. Allerdings freiwillig. Nach einigen ernüchternden Antworten von zunehmend alkoholisierten, sich selbst als unkreativ bezichtigenden Halbstarken haben wir beschlossen, die Freunde und Helfer um Rat zu Fragen. Sichtlich angetrunken erklären wir einem jungen Beamten, dass dies kein Notfall sei und er uns jederzeit wieder wegschicken könne. Wir kämen von der HBKsaar und interessieren uns für die Ideen der Staatsexekutive. Sein Blick wird zunehmend skeptisch. Er unterbricht uns und schickt uns in den Warteraum. Es würde gleich jemand kommen. 20 Minuten später kehrt er zurück. Freitagabend sei nicht der ideale Zeitpunkt für derlei Anliegen. Am Montagmorgen würde man aber gerne antworten. Und eine kurze Idee von Ihnen? – Nee, besser nit. Schade! Weiter geht es im kreativen Roulettespiel. Ein Typ im HSV-Trikot erklärt uns, dass die allerbeste Idee der Transfer von Sebastian Rode in die Hansestadt wäre. Ein Mädchen bringt die originelle Idee, Terrorismus zu bekämpfen auf die Tagesordnung und ein 21-Jähriger will das Pokémon-Go Netz stärken, Merkel abschaffen und überhaupt müsse man auf die Jugend achten, die immer schlimmer werde. Der schlagende Beweis für diese These sei Bernd, der sich gerade eine Kippe dreht. Unser letztes Gespräch mit zwei Mädchen eröffnen wir mit der Ankündigung, zunächst unsere Zucchini auspacken zu wollen. Wir lassen sie kurz über unser grünes, auf dem Tisch liegendes Gemüse philosophieren. Die Idee von motorisierten, aufblasbaren Zucchini gefällt uns dabei besonders.

Dann folgt die Rückkehr mit der bereits erwähnten Verspätung. Als wir schließlich im Zug sitzen und nach den Fahrscheinen gefragt werden, zeigen wir diese wortlos vor. Fürs Erste haben wir wirklich genug Fremde nach ihren Ideen gefragt.
Felix Gropper und Bernd Rosinski

 

Teil 2: Innen

Das automatische Schreiben und Gestalten als dienliches Hilfsmittel zur Ideenfindung und der Erforschung neuer Kommunikationswege. 

Die rohe Idee wird hierbei ohne Filter aus dem Unterbewusstsein aufs Blatt gebracht. Im darauffolgenden Prozess wird das Form- und Grenzenlose aus dem Inneren zu einer besser verdaulichen Kost verarbeitet. Ein Ideenheft in zwei Gängen.