Medientheorie: Maschinenräume


Technologie, Selbstbestimmung und Ordnungssehnsucht 1918 / 2018
WS 2018/19

Termine

Startdatum: 25.10.2018
Enddatum: 07.02.2019
Donnerstag: 14:00 - 16:00


Lehrende*r

Dr. Soenke Zehle


Studiengänge

Freie Kunst
Kommunikationsdesign
Produktdesign
Media Art & Design
Medieninformatik–Kooperationsstudiengang mit der UdS
Master Kulturmanagement–Kooperationsstudiengang mit htw saar und HfM Saar
Master Netzkultur/Designtheorie
Master Media Art and Design


Veranstaltungsort

Gamelounge


Maximale Anzahl Teilnehmer

keine Teilnahmebeschränkung


Anmeldeverfahren



Veranstaltungsart

Theorie Seminar/Vorlesung – 4 ECTS
Theorie Seminar/Vorlesung – 8 ECTS

ECTS

8 ECTS
4 ECTS


Leistungskontrolle

Referat/Hausarbeit/Klausur, Vorlage und Präsentation von Arbeitsergebnissen, Anwesenheitspflicht


Beschreibung

Der Lektüre-Kurs findet statt im Rahmen des Kulturerbeprojekts “Maschinenräume”, das am Beispiel der Saar-Geschichte die Zeiträume 1918 / 2018 rund um die Frage nach dem Leben im Maschinenraum in Beziehung setzt. Die Maschinenkultur des Industriezeitalters wird so zum Reflexionsraum des Aufbruchs in eine von mobiler Kommunikation, autonomen Systemen und künstlicher Intelligenzen organisierten neo-industriellen Gegenwart.


Kontext


Inspiriert durch die Kultur/Technik-Experimente der 1920er, stellt “Maschinenräume” neue Bezüge her, organisiert Begegnungen, eröffnet Möglichkeiten der gemeinsamen Auseinandersetzung mit einem Kulturerbe, das es uns erleichtert, einen neuen Blick auf die eigene Gegenwart zu werfen.


Die komplexe Geschichte des Saarlandes dient dabei als lokales Fallbeispiel; die Auseinandersetzung um unseren Umgang mit Technologie, Selbstbestimmung und Ordnungssehnsucht ist grenzüberschreitend. “Maschinenräume” sucht daher gezielt nach Antworten im Umgang mit Kulturerbe, nach Elementen einer digitalen Kulturerbestrategie. Denn das Jahrhundert 1918/2018 markiert nicht nur eine zeitliche Distanz, sondern lässt sich auch als Grenze des menschlichen Erinnerungsraums und damit der Zeitzeugenschaft verstehen. Viel älter als 100 werden wir nicht, nach spätestens hundert Jahren müssen wir uns statt auf Zeitzeugen im weitesten Sinne auf Maschinen wie digitale Datenbank- und Rechercheplattformen verlassen, die die Erinnerung für uns organisieren. Und so dient der  - ambivalente, anachronistische, aber eben auch nach wie vor im Alltag der meisten Menschen verankerte - Begriff der Maschine zum Aufruf zur Mitgestaltung jener Systeme, denen wir zunehmend unsere individuelle und kollektive Erinnerung anvertrauen.


Gerade in der frühindustrialisierten Montanwirtschaft an der Saar spielt die Maschine eine zentrale Rolle. Arbeit “in der Hütte” ist Wohlstandsversprechen, Symbol der Sicherheit sowie der Einordnung des eigenen Lebens in einen patriarchalischen Kapitalismus, der auch den Alltag durch seine industrialisierten Routinen organisierte. Auch andere Maschinen - neben Kino, Theater, Luftschiff und Automobil - spielen in der kulturellen Imagination der 1920er eine große Rolle. Aber es war der enorme Erfolg dieser Glas-Kohle-Stahl-Maschinen, unterstützt durch die zum Betrieb der Gruben erforderliche umfassende Elektrifizierung, der die Allierten dazu bewog, dem Industrierevier an der Saar eine besondere Rolle in der Nachkriegsordnung zuzuteilen. Bis heute bestimmen diese Maschinen - durch aktive Nutzung oder ihren Status als kulturelles Erbe - die Wirtschaftsstruktur der Region. Die Umwandlung ehemaliger Stätten der Produktion in Erinnerungsorte trägt zudem dazu bei, dass auch die individuelle und kollektive Imagination möglicher Zukünfte sich immer wieder auf diesen Maschinenhorizont bezieht.


Und tatsächlich sucht die Region ihre Zukunft heute in der Neugestaltung des Mensch/Maschine-Verhältnisses. Das Saarland hat sich inzwischen zu einem internationalen IT-Standort mit Schwerpunkten wie Künstlicher Intelligenz, Softwaresystemen und Visual Computing entwickelt, der durch Wortschöpfungen wie “Industrie 4.0” die Hoffnung auf eine neue industrielle Revolution mit der Ermächtigung autonomer Systeme in neuen Mensch/Maschine-Konfigurationen verbindet. Wieder suchen wir in der widerstrebenden Gleichzeitigkeit von Selbstbestimmung und Ordnungssehnsucht nach neuen Formen des Lebens im Maschinenraum. “Maschinenräume” nutzt dieses ebenfalls “lokale” zeitgenössische Maschinendenken für die Auseinandersetzung mit Kulturerbe. Denn wenn wir uns aufmachen, neuen Technologien die Organisation von Selbst- und Weltverhältnis anvertrauen, liegt es nahe, auch heute von einem Leben im Maschinenraum zu sprechen.


“Maschinenräume” legt einen besonderen Schwerpunkt auf das Mensch-Maschine-Verhältnis, bezieht in seinen Rückblick auch trans-lokale künstlerisch-technische Experimente der 1920er ein, um sich dem Verhältnis von Selbstbestimmung und Ordnungssehnsucht zu nähern.


Im Vordergrund steht der Versuch einer Befragung unserer kulturellen Existenzweisen in den Maschinenräumen einer technisierten Gegenwart, unterstützt durch einen Begriff von Kulturerbe, der Kultur und Technik nicht einfach gegenüberstellt, sondern technische Gestaltung als kulturelle Prozesse begreift. Und dabei einen Begriff der Maschine verwendet, der jenseits des Technischen immer auch das kulturelle, politische und soziale Außen solcher Maschinen in den Blick nimmt. Wie lassen sich Gefühle, Sehnsüchte, Wünsche und individuelle Erfahrungen in einer Zeit als Kulturerbe begreifbar machen, die an die komplette Erfassbarkeit von Arbeit und Leben zu glauben scheint und der Selbstbestimmung und Ordnungsehnsucht der Gegenwart mit der Entwicklung neuer Steuerungswissenschaften für Organismen, technische Geräte und Gesellschaften begegnet? Wie setzen wir uns auseinander mit der Wiederkehr der Vorstellung des Ingenieurs als gesellschaftlichem Schlüsselakteur - bereits ein zentrales Motiv der Kultur/Technik-Experimente der 1920er? Und wie lässt sich konkret mit dem Wunsch nach Selbstbestimmung in Bezug auf die Mitgestaltung technischer Systeme umgehen?