Let it go, let it flow


SS 2025

Studierende

Valentin Ernestus


Projektbetreuung

Prof. Georg Winter


Studiengänge

Freie Kunst


Projekt Art

Diplom

Valentin Ernestus: „Blau machen“, 300 x 500 cm, genähte Samthose, Schläuche, Pumpe, Blasen- & Nierentee, Ausstellungsansicht, 2025

Meine Diplomarbeit „Let it go, Let it flow!“ ist eine vielschichtige theoretische Reflexion über Urin und seine kulturellen, medizinischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Bedeutungen. Sie verknüpft naturwissenschaftliche Grundlagen mit psychoanalytischen Theorien, Kunstgeschichte und persönlichen künstlerischen Experimenten.


Im ersten Teil beschreibe ich die physiologischen Prozesse der Urinproduktion und die Rolle von Nieren, Blase und Harnwegen. Anschließend zeige ich auf, wie Urin in der Geschichte sowohl diagnostisch als auch therapeutisch genutzt wurde – von der Harnschau im Altertum bis zu modernen medizinischen Testverfahren, aber auch in volkstümlichen Heilmethoden. Einen weiteren Abschnitt widme ich der Theorie des Ekels und der Abjektion: Charles Darwin, Freud, Julia Kristeva und Judith Butler werden herangezogen, um Urin als Grenzphänomen zwischen Körper und Umwelt sowie als gesellschaftlich tabuisierte Substanz zu deuten.


Besonders spannend ist für mich die Verbindung von Urinieren und Männlichkeitskonstruktionen. Ich analysiere historische Beispiele wie General Pattons demonstratives Pinkeln in den Rhein 1945 und untersuche, wie Pinkeln im Stehen, Dominanzgesten und Rituale in Militär, Sport und Alltag männliche Identität stabilisieren.


Ein großer Teil des Textes widme ich zudem der Kunstgeschichte: von Pieter Bruegels Sprichwortbildern über Duchamps „Fountain“ und Warhols „Oxidation Paintings“ bis hin zu zeitgenössischen Positionen der „Abject Art“. Urin erscheint hier als künstlerisches Material zwischen Provokation, Symbolik und Körperpolitik.


Das künstlerische Konzept bildet den Kern: Ich nutzte performative Selbstexperimente – etwa das absichtliche „Einpinkeln“ in verschiedenen Kontexten, von der eigenen Wohnung bis zum öffentlichen Raum – als künstlerische Praxis. Diese Handlungen dienen mir als Protest gegen Reinheitsnormen, als Reflexion über Scham, Schwäche und Verletzlichkeit und als Versuch, Männlichkeit jenseits von Dominanzgesten neu zu denken. Dabei verbinde ich persönliche Erfahrungen mit theoretischen Konzepten wie dem Glitch-Feminismus und der Tragetaschentheorie von Ursula K. Le Guin. Die gewonnen Erfahrungen verarbeite und multipliziere ich in interaktiven Installationen und Dokumentationen. Das Pinkeln in die Hose wird so zu einer bewusst gewählten Geste: nicht als Scheitern, sondern als Symbol für Fluidität, Selbstermächtigung und die Auflösung klarer Körpergrenzen.